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Eine Linkliste für Typographie | Publishing-Events

Anonym
Beiträge: 22827
5. Aug 2003, 11:47
Beitrag #1 von 9
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Buchsatz - Gestaltung einer Seite


Hallo Gemeinde,

jedesmal bei Aussetzen eines Buches überlege ich mir, in wie weit man Kompromisse beim Satz machen kann.

Eine "gute Seite" sieht für mich so aus:
-Satzspiegel max. 7-8 cm breit
-Stand des Satzspiegels nach goldenem Schnitt (oder annähernd)
-reichlich Durchschuß (muß man entsprechend der Schrift ausprobieren, etwa 110-130%)
-keine Hurenkinder/Schusterjungen
-gleichmäßige Wortabstände (ich mags eher etwas enger)
-kein Letterspacing (nie!!)
-Zeilenauslauf mindestens 1/3 der Zeile
-Trennung an sinnvollen Stellen, keine Trennung bei Seitenübergang
-schmale Einzüge

Die Praxis sieht oftmals anders aus:
schlechte Tennmöglichkeiten, Zeilenauslauf sehr knapp, Hurenkinder. Oft kann man sich mit einer Veränderung der Laufweite behelfen, aber manche Seiten bleiben schlecht.
In letzter Zeit habe ich öfters Schusterjungen gesehen habe, (Beispiel: Middlesex, Moby Dick), bzw. Hurenkinder (Taschenbücher des Suhrkamp Verlages). Ein einschalten der Abssatzregeln in InDesign schafft nur bedingt Abhilfe, da dabei der Satzspiegel nicht gefüllt wird.

Wie geht ihr mit so was um? Und, wie setzt ihr die Pagina, oben, unten, innen, aussen?

gruss
uli kohnle
http://www.edition-phantasia.de Top
 
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Christoph Grüder S
Beiträge: 1929
5. Aug 2003, 12:15
Beitrag #2 von 9
Beitrag ID: #46171
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Buchsatz - Gestaltung einer Seite


Hallo Uli,

da hast Du ja schon zahlreiche Satzregeln aufgeführt. Leider sind die Computer weitaus dümmer und nehmen beim Umbruch nicht immer Rücksicht, sodass es zu diesen Fehlern kommt, die Du eben beschrieben hast. Bedingungen für einen guten Satz ohne viele Hurenkinder und andere typografische Geschöpfe sind:
Gut ausgeglichener PostScript- oder OpenType-Font
Vollständiges Wörterbuch im Satzprogramm
Ausreichende Spaltenbreite
etc.

Was die Verlage daraus machen, hängt meiner Meinung davon ab, wieviel Geld der Verlag in die eigene Qualität steckt. Da die Margen in der Buchbranche immer dünner werden, werden auch die Bücher immer billiger bedruckt und auch gesetzt. Wenn dann überhaupt auch einmal so etwas exotisches wie InDesign zum Einsatz kommt: viele Bücher werden halt noch in Quark gesetzt oder im Ventura Publisher.

Zum guten Satzspiegel halte ich es mit Tschichold, aber es geht auch nichts über eine Blätterprobe und einen 1:1-Ausdruck. Die Pagina gehört nach unten. Wer es experimentell mag, darf sie natürlich auch hochlaufend an den Auenrand setzen oder ähnliches.

herzliche Grüße,
Christoph Grüder


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Christoph Grüder S
Beiträge: 1929
5. Aug 2003, 12:17
Beitrag #3 von 9
Beitrag ID: #46173
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Buchsatz - Gestaltung einer Seite


natürlich nicht an den "auenrand" (hallo Hobbit-freunde!) sondern an den "Außenrand"!

:-)
Christoph Grüder
als Antwort auf: [#46162] Top
 
Anonym
Beiträge: 22827
5. Aug 2003, 12:32
Beitrag #4 von 9
Beitrag ID: #46182
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Buchsatz - Gestaltung einer Seite


auenrand ist gut(!)
Ich halt's auch mit Tschichold, bei der Pagina gefällt mir oben zur Zeit besser. Ich mags nicht, wenn mein Text auf der Hälfte der Seite aufhört und unten dann noch verloren eine Seitenzahl steht. Meist mach ich die dann weg. Dann wiederum steht die Seite so verloren da.

Die Pagina hängt natürlich immer auch vom Text ab, ein experimenteller Text verträgt schon mal eine extravagante Nummerierung.

Da mir jetzt bei fast 35°C die Tastatur wegschmilzt, höre ich für heute auf, viel Spass noch

uli kohnle
http://www.edition-phantasia.e
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Christoph Grüder S
Beiträge: 1929
5. Aug 2003, 13:28
Beitrag #5 von 9
Beitrag ID: #46189
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Buchsatz - Gestaltung einer Seite


Hallo Uli,

wenn im Satzspiegel Kopf- und Fussbereiche festgelegt sind, gibts weniger Probleme mit verlorenen Seitenzahlen, beim Buchsatz macht das aber wenig Sinn, da stimme ich Dir zu.

"Da mir jetzt bei fast 35°C die Tastatur wegschmilzt, höre ich für heute auf, viel Spass noch" - schon einmal an einen Tai Chi Kurs gedacht? :-)

herzliche Grüße,
Christoph Grüder
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donkey shot
Beiträge: 1416
5. Aug 2003, 22:40
Beitrag #6 von 9
Beitrag ID: #46269
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Buchsatz - Gestaltung einer Seite


In den letzten Jahrzehnten ist die Arbeit für den Setzer beim Buchsatz so viel einfacher geworden, da wäre es ja schlimm, wenn es nicht noch ein paar Herausforderungen gäbe. ;)

An der Arbeit des Buchgestalters sollte sich allerdings nicht viel geändert haben, die ist immer noch genauso anspruchvoll wie je. Und man kann mit einer gut durchdachten Gestaltung die Arbeit des Setzers schon im Vorraus erleichtern.

Wichtig zu wissen ist, daß wenn man sich für eine Schrift entschieden hat, die Arbeit noch längst nicht getan ist. Um einen guten Umbruch zu erzielen sind da einige Faktoren die eng ineinandergreifen:

• Satzspiegel(oder Spalten-)breite
• Schriftgröße
• Laufweite (evtl.)

Auch wenn man über die Jahre gewisse Erfahrungswerte gesammelt haben mag, so hilft da nur immer wieder probieren, probieren, probieren. Und alles einmal ausdrucken.

Auf feste Schriftgrade wie im Bleisatz ist man ja nun schon länger nicht mehr festgenagelt, also ist es immer auch wichtig Schriftgrößen in Viertelpunkt-Schritten auszuprobieren. Das kann manchmal schon eine Menge ausmachen.

Und besonders wichtig ist dann der Zusammenhang zwischen Schriftgröße (evtl. Laufweite) und Satzspiegelbreite. Angaben wie 7-8 cm sind Blödsinn. Das mag natürlich als Daumenregel für Leseschriftgrößen zutreffen, aber letztlich hängt das immer auch von der Schriftart, dem Format und anderem ab. Und entscheidend ist da immer die beim Lesen "gefühlte" Zeilenlänge (=Wortanzahl).

Das interessante ist, daß, wenn man einmal Schriftgröße und Schriftart festgelegt hat, es für jede Variante eine durchnittliche optimale Zeilenlänge zu geben scheint, die sich grundlegend auf den Umbruch auswirkt. Ich hatte schon öfter den Fall, daß bei einer Änderung der Spaltenbreite um ein oder zwei Millimeter der gesamte(!) Text über Seiten sehr viel sauberer umbrach.

Grundsätzlich ist es also richtig, vorab den Satzspiegel und die Spaltenmaße grob festzulegen, allerdings sollte man sich in den Entscheidungen nicht zu sehr verbeißen. Eine Anpassung dieser Faktoren zu einem späteren Zeitpunkt würde ich immer in Betracht ziehen.

Und nun kommen wir zu einem Sakrileg. Es gibt bestimmt einige Leute, die mich dafür steinigen würdern, daß ich es in Betracht ziehe, an der Buchstabenbreite herumzudrehen. Aber in manchen Fällen und minimal eingesetzt bewirkt das wirklich Wunder. Ich habe dieses (zugegeben letzte) Mittel des öfteren eingesetzt und wenn man unter 5% bleibt, dann sieht man es wirklich nicht. Allerdings geht manchmal noch einiges in die Zeile und das Ergebnis ist sehr viel sauberer, als eine Veränderung der Spationierung oder eine zu enge Manipulation an den Wortzwischenräumen. Es ist natürlich von Fall zu Fall unterschiedlich. Wenn es hilft, eine Zeile so zu bearbeiten und so ein Hurenkind zu vermeiden ist, würde ich sagen ist es legitim. Manchmal hilft es auch einen ganzen Absatz auf 98% zu stellen und er umbricht gleich völlig anders. Was ich aber noch dazu sagen muß: seit ich InDesign benutze, habe ich weitgehend darauf verzichten können. Es gibt natürlich immer Wörter mit Silben, die in keine Zeile passen. ZB. Deutsch-land oder Braun-schweig. ;)

So. Nun könnte man diesen Text auch schon wunderbar zu einigen Buchseiten umgestalten. Aber ein paar lose Dinge noch:

Zeilenabstand: 110% würde ich nicht als reichlich erachten, das fängt bei 135% an ;)

Paginierung: Dazu und zu lebenden Kolumnentiteln, wie anderen Gestaltungselementen kann man so viel sagen, daß ich hier nur sagen will: das ist Geschmacks- und Gestaltungssache. Allerdings sollte man (wenn es kein Wörterbuch ist, wo sowieso der lebende Kolumnentitel wichtiger ist) die Seitenzahl nicht undbedingt in den Bund setzen.

Schusterjungen: Ich habe mal gehört, daß im Amerikanischen solche durchaus erlaubt sind. Aber ob Sitte oder Unsitte, eigentlich lassen die sich meistens durch einen guten Umbruch im Vorfeld vermeiden.

grüsse,

Christof
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Anonym
Beiträge: 22827
6. Aug 2003, 12:28
Beitrag #7 von 9
Beitrag ID: #46351
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Buchsatz - Gestaltung einer Seite


Hallo Christof,
das ist doch das Schöne, dass es immer noch Herausforderungen gibt. Wenn der Rechner alles machen würde, bräuchte es uns ja nicht mehr.

Es ist auch meine Erfahrung, dass minimale Änderung der genannten Parameter oftmals ein besseres Ergebnis bringen. Übers ausdauernde Probieren kommt man nicht herum. Meist hänge ich mir so 5-10 brauchbar aussehende Entwürfe an die Wand und schau mal ein paar Tage immer wieder drauf. Man findet immer etwas, was man besser machen kann.

Die 7-8 cm sind für eines meiner Standardformate gedacht, kann man natürlich nicht verallgemeinern.

Ich probiere das mit der Buchstabenbreite mal aus, bisher hielt ich das tatsächlich für nicht machbar. Manchmal reicht es eben nicht aus, den ganzen Absatz auf 98% zu stellen.
Als letzte Möglichkeit würde ich sogar den Absatz umschreiben (natürlich nach Rücksprache mit Autor/Übersetzer/Lektor).


gruss
uli kohnle
http://www.edition-phantasia.de
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donkey shot
Beiträge: 1416
6. Aug 2003, 12:59
Beitrag #8 von 9
Beitrag ID: #46354
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Buchsatz - Gestaltung einer Seite


>> Als letzte Möglichkeit würde ich sogar den Absatz umschreiben

Das habe ich auch schon des öfteren so gehandhabt. Geht natürlich wirklich nur, wenn der Autor neben einem sitzt und bei Texten, die älter als fünfzig Jahre sind kann das unangenehm sein auch wenn sie dann vielleicht nicht mehr widersprechen. ;)

grüsse,

Christof
als Antwort auf: [#46162] Top
 
daved1065
Beiträge: 342
10. Aug 2003, 20:44
Beitrag #9 von 9
Beitrag ID: #46844
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Buchsatz - Gestaltung einer Seite


Bei Schusterjungen und Hurenkindern habe ich eine ganz einfache Anwendung: Entweder ich bringe in einem Absatz eine Zeile ein oder treibe eine Zeile aus.

Dies mache ich mit erhöhten oder verringerten Wortabständen, aber nie mit unterschneiden der Schriftlaufweite.
als Antwort auf: [#46162] Top
 
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